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GENETIK WOYZECK - EINE GEISTERBESCHWÖRUNG NACH 28 JAHREN

2025
Trailer Trailer 2Trailer 4 min Deutschlandfunk "Gespenster der Neunziger" Magazin Hellerau presse

Presse Bühnenrundschau 12/ 2025 über die Wiederaufführung im Festspielhaus Hellerau
Restaurierter Realitätsverlust 
Das Dresdner Künstlerpaar Harriet Maria & Peter Meining arbeitet seit den 1990er-Jahren in zahlreichen Genres und mit un- terschiedlichen Medien. Beide führen Regie, schreiben und produzieren. Anfang September brachten sie am Festspielhaus in Dresden-Hellerau ihre Arbeit „Genetik Woyzeck“ taufrisch auf die Bühne – 28 Jahre nach der Premiere.
Kurz mal zurück in die 90er? „Back to the 90s?“, so lautete der Titel eines dreimonatigen Programmschwerpunkts am Festspielhaus in Dresden-Hellerau. Warum die Zeit überhaupt zurückdrehen? Und wie könnte das gelingen? Bei „Back to the 90s?“ wurden diese Fragen mit unterschiedlichen Formaten angegangen, im Rahmen des Festivals „Transformation Forever“ ebenso wie im Themenfokus „Spu- rensuche“. Es ging um die Neunzigerjahre in Mittel- und Osteuropa, nicht zuletzt aber auch um die Geschichte des Festspielhauses selbst, etwa bei der Ausstellung „ZOOM 90–06“ (lief wie das Festival vom 4. September bis zum 6. Dezember 2025) von Barbara Lubich und Svea Duwe. Einer der Höhepunkte des Programm- schwerpunkts war zu Beginn des Festivals zu sehen: Harriet Maria & Peter Meining waren von Intendantin Carena Schlewitt eingeladen, am Festspielhaus Hellerau ihre Inszenierung „Genetik Woyzeck“ von 1997 nochmals zu zeigen. Und obwohl seit der Premiere 28 Jahre vergangen sind, verblüfft das Stück erneut, nicht nur, weil dem Abend jegliche Patina fehlt: Er wirkt so, als sei es gerade erst entstanden.
Im Banne einer „Geisterbeschwörung“
Eine „Videokonferenz mit tödlichem Ausgang“, so nannte das Regie-Duo den Abend im Untertitel, und so steht es auch jetzt wieder drunter. Büchners „Woyzeck“ wird hier nach einem strengen formalen Aufbau durchexerziert: Lars Rudolph, der den Woyzeck spielt, ist allein auf einer kaum dekorierten Bühne, dort finden sich lediglich ein Sofa und einige Requisiten. Hinter ihm sind allerdings drei große Leinwände als Triptychon aufgespannt. Im Laufe des Abends sind auf der linken und der rechten Leinwand Videospielszenen in Schwarz-Weiß zu sehen, unter anderen Eva Mattes als Marie und Martin Wuttke als Andres, Talking Heads in überlebensgroßen, kontrastscharfen Bildern. Auf der Leinwand in der Mitte wird wie auf Title Cards aus der Stummfilm-Tradition jeweils angekündigt, welche Szene zu sehen sein wird. Vor dem Schauspieler sind nochmals fünf Bildschirme auf dem Boden platziert, und auf diesen ist zu sehen, was er mit einer kleinen Livekamera abfilmt, wie er sein Gesicht und seinen Körper erkundet, wie er sich rasiert, wie er die Kamera an einer Stelle zu schlucken versucht: Diese unruhigen Bilder stehen im Gegensatz zu den so sauberen, durchkomponierten Bildern der aufgezeichneten Schauspieler.
Das Set-up lässt Rudolph die Möglichkeit, zu reagieren und zu improvisieren, und dennoch wirken auch die Schauspieler auf den Videos unglaublich real, so als wären sie wirklich am anderen Ende der digitalen Leitung. Das Regie-Duo schreibt im Begleitheft von einer „Geisterbeschwörung“ – und das wird umso eindrücklicher, wenn nach und nach klar wird, dass einige derer, die da sprechen, tatsächlich bereits verstorben sind: Zu uns sprechen neben Nick Cave, Uwe Preuss und vielen ande- ren nämlich auch Irm Hermann und Christoph Schlingensief, Otto Sander und Ulrich Wildgruber. Das Publikum in Hellerau ist gebannt von ihren Gesichtern und ihren Stimmen.
Neuheit Video auf der Bühne
Ein Abend wie „Woyzeck“ bedeutete in den Neunzigern einen massiven technischen Aufwand: Das Stück wurde damals natürlich unter ganz anderen Bedingungen gezeigt: Video war etwas Neues auf der Bühne. So erklärt
Harriet Maria Meining im Gespräch, dass sie damals für das unfreiwillige Live-Synchronisieren der analogen VHS-Videobänder „via Pausentaste“ zuständig war. Und Peter Meining ergänzt, schon drei ähnlich lichtstarke Beamer zu bekommen, sei eine Herausforderung für jedes Gastspiel gewesen. Und noch eine Sache war anders: Zur Original-Inszenierung gehörte, dass das Publikum in einen Plexiglas-Kubus platziert wurde. „Das sollte wie ein Laborgebäude wirken“, erklären die beiden. Diese Setzung hatte aber auch ganz praktische Gründe, denn es war damals kalt im unbeheizten Festspielhaus – und Rudolph wurden eine Heizdecke und ein Heizstrahler zur Verfügung gestellt.
Sprechtheater in den Raum erweitern
Harriet Maria & Peter Meining hätten mit ihrer Arbeit „den Funktionszusammenhang von Menschen und Medien mitsamt seiner Stars ins Visier genommen“, hieß es damals im „Spiegel“. Die beiden haben lange als „norton. commander.productions“ Theaterprojekte in der freien Szene, Performances und Events inszeniert, dieser Name des Duos hatte von 1995 bis 2014 Bestand.
Von Anfang an setzten sie auf audiovisuelle Technik, noch bevor Kameras, Bildschirme und Leinwände in den 2000ern langsam zum festen Teil der Medientechnik auf der Bühne an den Stadttheatern werden. Es ging ihnen darum, die Performance „weg vom klassischen Sprechtheater in den Raum zu erweitern“, wie sie sagen. Etwa in „Terrain Terrain! Pull up Pull up!“, einer Cockpit-Videoinstallation, in der die Blackbox-Aufzeichnungen von Flugzeug- abstürzen nachgeflogen und mit ikonischen Gefühlsabstürzen der Filmgeschichte live ver- schaltet wurden.
Und der Einsatz der audiovisuellen Medien ist ihnen dabei nie zum Selbstzweck geraten; sie arbeiteten und arbeiten immer zur Frage, wie Medien gesellschaftlich verzahnt sind und wie sich dies wiederum darstellen lässt Das reicht von der frühen Arbeit „Rauschen“ (1994), die komplett ohne Präsenzperformance auskommt, bis zur dreiteiligen Reihe „X Gebote“ (2011–2013). Für das legendäre Party-Event „Maximum Black“ wiederum ließen sie eine riesige, wellenförmige Glühbirneninstallation über die tanzende Crowd hängen. Und heute? Entwickeln sie mit ihrem Label MauserFILM vor allem Spielfilme.
Glasklarer Sound der 90er
Mit den Vorbereitungen für die Wiederaufnahme des Stücks im September 2025 wa- ren sie monatelang beschäftigt. Während die Videobänder als DIGI-BETA-Back-up in einwandfreiem Zustand von einem Kollegen aufbewahrt wurden und leicht digitalisiert werden konnten, schien das Tonmaterial für den Soundtrack fast verloren. Das Problem: Dieses BETA-Band war komplett verklebt und beim Einlegen in den Recorder sofort gerissen. Harriet Maria & Peter Meining setzten auf die Ton-Restauration durch die Firma dc1 GmbH in Gütersloh, die viele Filmfirmen und Museen zu ihren Kunden zählt. „Nach einer Besprechung mit dem Team des Festspielhauses Hellerau hatten wir beschlossen, unser Glück zu versuchen und eine Vorabzahlung zu leisten, um dem Unternehmen das Band senden zu können.“ Sie hatten Glück: Der Ton konnte wiederhergestellt und digitalisiert werden, er kündet glasklar von den Technikklängen der Neunzigerjahre. „Wir hätten den Sound mit den aktuellen Musikproduktionsverfahren so nicht auf die Schnelle hinbekommen“, sagen die beiden.
Zeitwahrnehmung verschwimmt
Und so konnten sie nach und nach die einzelnen Elemente der Videokonferenz restaurieren, mittels derer Lars Rudolph als Woyzeck mit den unterschiedlichen Figuren von Büchners Drama konferiert. „Es war toll, wieder mit Lars Rudolph arbeiten zu können und sich gemeinsam in den Stoff reinbegeben zu können“, sagen die beiden im Gespräch. Der Schauspieler sei hier „frei, aber dennoch komplett in die Maschine eingespannt“. Und, ja: das ist die Maschine des Texts von Büchner ebenso wie die Maschine der Video-Installation von Harriet Maria & Peter Meining. Freiheit, das heißt, dass der Abend innerhalb dieser technischen Grenzen dann auch dem Schauspieler überlassen wird – das wird gera- de am Ende deutlich, in dem es dunkler wird im Saal und sich Lars Rudolph wegbewegt vom Sofa, hinein in den Realitätsverlust von Woyzeck. Tosender Applaus für seine Leistung in Hellerau, und für die restaurierte Fassung des Stücks, das einige im Publikum damals auch live gesehen hatten. Die Zeitwahrnehmung verschwimmt hier ein paar Momente lang, denn „Genetik Woyzeck“ stellte einen Konnex mit den Neunzigern her. Durch die technische Expertise und die sorgfältige Wiederaufbereitung der Video- und Audiodaten machen Harriet Maria & Peter Meining eine Vergangenheit erfahrbar, aus der wir auf die gegenwärtigen Verhältnisse blicken können. •
Bernhard Siebert ist als Forschungsreferent an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main tätig.

Presse 1997 - 2002

So muss der Fortschritt aussehen:...In "Genetik Woyzeck" hat das Dresdner Künstlerpaar Harriet Böge und Peter Meining den Fiktionszusammenhang von Menschen und Medien mitsamt seiner Stars ins Visier genommen. Lars Rudolph brilliert in dieser Rolle mit ausdruckstarker Mimik und provozierenden Aktionen. Auf kleinen Monitoren können die Zuschauer hautnah miterleben, was der Mediengeplagte tut: Ob er sein Gesicht im Stimmengewirr der Stars zu einer schmerzhaften Grimasse verzieht, seinen Penis aus der Hose packt und vor den Monitor hält oder alle Ecken seines Auges mit einer Taschenlampe ausleuchtet. Am Ende der surrealen Verstrickung verliert Woyzeck jeden Rest an Wahrnehmung und fällt seinen Stars zum Opfer. Er wird von ihnen getötet und muss noch im Sterben die Stimmen aus der künstlichen Welt hören. Erbarmungslos murmeln sie: "Ein guter Mord, ein echter Mord, ein schöner Mord, so schön, als man ihn nur verlangen tun kann, wir haben schon so lange keinen gehabt."

Der Spiegel

Genetik Woyzeck ist multimediales Theater im besten, im eigentlichen Wortsinn. Das Theater funktionierte als Ausstellung ohne die Begrenzung des Musealen. Sakrale und funktionale, moderne und postmoderne Diskursuniversen brachen sich ineinader, projezierten einen übergeschichlichen Wahrnehmungsraum mitten hinein in den trägen und traditionell beladenen Raum. Ein theatrale Ausstellung von schmerzhafter Dichte und trotz aller Technokratie- atemberaubender Sinnlichkeit entstand.

Theater der Zeit

Die beiden jungen Theaterleute nutzen geschickt die avancierte Technik um deren Gewaltcharakter bloszustellen. Ein starkes Stück, das auf unvermutete Weise aktuell wirkt.

Frankfurter Allgemeine Zeitung

eine frappierende und überzeugende Fassung.

Frankfurter Neue Presse

Dabei ist die Inszenierung gar nicht vordergründig auf Medienkritik aus. Doch ganz nebenbei wird hier die Penetranz veranschaulicht, mit der die Technik dem Menschen auf allen Ebenen zu Leibe rückt. Bis in die Mund und Augenhöhle dringt das Kameraauge dem tragischen Helden, das Innerste seiner Natur auszuleuchten und als Zerrbild auf der Mattscheibe zu entblößen. Das ist im besten Sinne effekt und wirkungsvoll.

Frankfurter Rundschau

Durch die geschickte Montage der stark individualisierten Porträts erwächst eine Dynamik die soghaft wirkt. ...wunderbar das Wechselspiel zwischen verletzter Unschuld und aufkommendem Zweifel.

TAZ

Die beiden Inszenatoren haben mit diesem Experiment einen schier unermesslichen Raum für Interpretation geschaffen. Darum ganz einfach: Bild aus Ton weg Schauspiel lebt!

Berliner Zeitung

Es entsteht ein medialer Mix, der einem den Boden unter den Füßen wegzieht.

Die Welt

Die zeitgemäße Performance ist alle jenen zu empfehlen, die noch an Kroetz dampfenden Dorfrealismus der Schauspielhaus Inszenierung laborieren.

Hamburger Abendblatt

Hier wird das Theater vom Theater befreit, die Sprache vom Sprechenden getrennt, die Emotionen seziert, wie Organe in der Anatomie. Genetik Woyzeck ist ein kühl berechnendes, technikversessens Experiment , kalt wie Woyzecks Widersacher.

Stuttgarter Nachrichten


„Genetik Woyzeck“ inszenierten wir 1997 im Festspielhaus Hellerau. „Auf der Bühne nur eine weiße Couch. Auf ihr hat der einzig leibhaftige Schauspieler Lars Rudolph Platz genommen. Er spielt Woyzeck – der Rest ist Fiktion. Mit einer Micro-Kamera filmt er sich bis ins Intimste – was auf Monitoren im Zuschauerraum wiedergegeben wird. Seine Gegenspieler treten nicht leibhaftig auf, sondern sind als lebendige Bilder auf zwei riesige Leinwände verbannt. „Es sind Stars der Medienwelt“, so der Stücktext von 1997. Die Inszenierung nehme, so der SPIEGEL damals, „den Fiktionszusammenhang von Menschen und Medien mitsamt seiner Stars ins Visier“.

28 Jahre nach der Premiere zeigen wir diese Inszenierung als Wiederaufnahme, mitsamt der neuen Fragen, die „der Fiktionszusammenhang von Mensch und Medien“ im Zeitalter von KI, Populismus und „Fake News“ aufwirft. Neben Lars Rudolph auf der Bühne treten im Film auf: Blixa Bargeld, Ben Becker, Frank Castorf, Nick Cave, Dietmar Diesner, Herbert Fritsch, Irm Hermann, Udo Lindenberg, Markus Lüpertz, Joachim Maaz, Eva Mattes, Rebecca Meining, Ulrich Meyer, Dr. Motte, Pigor und Eichhorn, Uwe Preuss, Heinz Rennhack, Hans Scheuerecker, Christoph Schlingensief, Alexander Schröder, Hanna Schygulla, Otto Sander, Bert Stephan, Alan Vega, Ulrich Wildgruber und Martin Wuttke.

28 Jahre sind tatsächlich eine lange Zeit – bezogen auf ein Menschenleben, aber auch auf kulturelle Verschiebungen. Wenn wir heute die alten Schwarz-Weiß-Aufnahmen von „Genetik Woyzeck“ ansehen, erscheinen sie wie Geisterbilder: sprechende Köpfe, eingefroren in der Zeit. Einige der damaligen Mitwirkenden – Irm Hermann, Otto Sander, Ulrich Wildgruber, Christoph Schlingensief, Chaim Levano und Alan Vega – weilen nicht mehr unter uns. Nur Lars Rudolph kehrt zurück, um sich 28 Jahre später erneut in dieses Woyzeck-Hamsterrad zu begeben. 
1997 war eine Übergangszeit. Die Digitalisierung steckte noch in den Anngen, die Fragmentierung von Realität, Identität und Darstellung und ihr disruptives Potenzial war bereits spürbar. „Big Brother“ (2000) und „Matrix“ (1999) lagen in der Luft – die Idee vom Leben als Simulation bzw. das Konzept des Trivialen das sich selbst inszeniert – als Vorahnung medialer Selbstverwertung. Die noch nahezu unbekannten Autoren Michel Houellebecq und Bret Easton Ellis hatten mit „Ausweitung der Kampfzone“ (1994) und „American Psycho“ (1991) neue Antihelden entworfen. Filme wie „Mann beißt Hund“ (1992) oder „Funny Games“ (1997) irritierten mit moralischen Umkehrungen – sie machten die Zuschauer*innen zu Komplizen eines übergeordneten Konzepts, das wichtiger als die Handlung wurde. Genau in diesem Klima entstand unsere Arbeit – in der langsam einsetzenden Dämmerung eines „langen Sommers der Theorie“, gespeist von Merve-Bändchen, von Baudrillard, Flusser, Virilio, Foucault etc. in der Verschränkung von Kunst, Pop und Theorie, im Stochern im Nebel der Wirklichkeit. „Genetik Woyzeck“ war kein Bühnenstück im klassischen Sinn, sondern ein dekonstruktives Videoprojekt – gedreht mit minimalem Equipment, in Wohnzimmern, Küchen, Hotelzimmern. Die Szenen wurden einzeln aufgenommen, die Schauspieler bestimmten ihr Outfit selbst, als Dank gab es eine Flasche Wein. Die Rollenstruktur des Originals lösten wir auf: Drei Doktoren, vier Hauptmänner, nur Marie (Eva Mattes) und Andres (Martin Wuttke) waren durchgängig besetzt. So trennten wir individuelle und funktionale Beziehungen im Stück.  Diese offene Form spiegelte unsere Haltung gegenüber dem Theaterbetrieb jener Zeit. Orte wie das Festspielhaus Hellerau oder das Berliner Festival „reich & berühmt“ boten den ästhetischen und institutionellen Gegenentwurf zum etablierten Stadttheater. Dort wurde experimentiert: zwischen Pop, Theorie, Trash und Performance, zwischen Ernst und Pose. Wir inszenierten uns selbst als Künstlerpaar – als Label, als ästhetisches Projekt und nannten uns schließlich norton.commander.productions. in Anlehnung an Software-Ikonen der 80er. Für „Genetik Woyzeck“ reisten wir annglich nach Kalifornien, versuchten vergeblich Robert De Niro r eine Rolle zu gewinnen, trafen Udo Kier und diverse Hollywood Agenten, filmten mexikanische Kellner, die Büchner-Zeilen aufsagten. Die Grenzen zwischen Kunst und Alltag, Realität und Fiktion, Theorie und Trash sollten bewusst verwischt werden. Zurück in Deutschland reduzierten wir unsere vielen Ideen und gaben dem Projekt eine strengere Form. Dass das Konzept des „prominenten Gesichts“, das sich in einem singulären Moment selbst inszeniert eine eigentümliche Wirkung entfalten würde, wurde uns in der Montage klar. Die Aufnahmen machen etwas sichtbar, das inzwischen alltäglich ist: die Mechanik von Repräsentation, Funktion, medialem Selbstentwurf. Inzwischen sind wir alle selbst zu „Gespenstern des Kapitals“ geworden – deren hilfloses Zappeln gnadenlos selbst – und fremdverwertet wird. 28 Jahre später beschwören „Gespenster“ also „Geister“ und feiern eine Wiederbegegnung.
„Genetik Woyzeck – Eine Videokonferenz mit tödlichem Ausgang“ ist eine Spurensicherung aus einer Zeit, in der Kunst, Theorie und Lebensform noch nahezu analog und unauflöslich miteinander verbunden waren.