TAZ Porträt

Im Bett auf der Bühne

Das Regieduo norton.commander.productions aus Dresden setzt auf Klassikerfortschreibungen, Filmadaptionen und überraschende Eingangssituationen - aktuell in der Inszenierung "Angst"

VON ROBERT HODONYI

Krankenhausbetten quietschen. Der Zuschauerraum des Kleinen Hauses in Dresden erinnert an ein städtisches Sanatorium. Etwas ungelenk und verunsichert legen sich die Besucher zur Uraufführung von "Angst" in die bereitgestellten Bettgestelle. Soll man die Schuhe doch lieber ausziehen? Das Regieduo Peter und Harriet Meining alias norton.commander.productions (ncp) liebt dieses Spiel mit den Zuschauern. Immer wieder führen sie in ihren aktuellen Inszenierungen Eingangssituationen herbei, die die Erwartungen an einen klassischen Theaterraum aufheben. Zuletzt in "Die Zone", einer von Andrei Tarkowskis Spielfilm "Stalker" inspirierten Inszenierung am Theaterhaus Jena, wo man sich in einem Edelrestaurant wiederfand und unfreiwillig Teilhaber am Geschehen wurde.
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Der Prolog von "Angst" ist ein Gruselmärchen von Hans Christian Andersen als Hörspiel, dann schaltet sich eine grelle Neonbeleuchtung ein. Zusammen mit dem flackernden Geräusch der angehenden Scheinwerfer wird so die klinisch-kühle Atmosphäre einer Bettenstation mitten im Bühnenraum verstärkt und ausgeleuchtet. Immer wieder ist im Laufe des Abends dieses Geräusch zu hören. Immer dann wird der Blick unerbittlich auf die Figur W (Wolfgang Sörgel) gelenkt. Zum Schluss, wenn das Licht ein letztes Mal verlischt, wird W gestorben sein: abgeklärt, lakonisch und die ganze Zeit über waagerecht liegend. Eine Kennnummer weniger für die Krankenkasse. Der Tod kommt in 90 Minuten. (Auszüge aus Hans Joachim Schädlich „Mal hören was noch kommt“ )

"Angst" konterkariert das voyeuristische Interesse am Tod und bricht langsam, Schritt für Schritt, einen Blick auf das Sterben, der von einer medialen Sensationsgier geprägt ist wie in der niederländischen Reality-Show "Big Donor". Ausgebreitet wird aber auch parallel dazu ein Abc menschlicher Meidungsstrategien, ein Panorama kollektiver Ängste zwischen privatem Sicherheitszaun, Überwachungswahn und globaler Terrorparanoia.

Vieles wird dabei allerdings nur spotartig angedeutet, abgetastet und psychologisch nicht vertieft. Auf der einen Seite ist es amüsant anzusehen, wenn beispielsweise Schulkinder auf der Leinwand eine Art Phobien-Quiz mimen und damit eine ironische Projektionsfläche der hysterischen Erwachsenenwelt entwickelt wird. Auf der anderen Seite vermisst man bei anderen filmischen Einspielungen, etwa bei einem anonymen Fahrgast (Sebastian Kuschmann), der die ganze Zeit in der Straßenbahn auf eine Sporttasche blickt und dann plötzlich aussteigt, eine gezielte Spurensuche, Erklärbarkeiten oder Motivationen für bestimmte Handlungsabläufe; so entsteht ein Spiel der ständig wechselnden Beobachterperspektiven, eine zerfaserte Zustandsbeschreibung, die von norton.commander.productions bewusst unfertig und offen gehalten wird.

Wenige Tage später, beim Gespräch, wirken Peter und Harriet Meining konzentriert, aber auch sehr geschafft. Nicht nur das neue Stück "Angst" hatte dieser Tage seine Uraufführung, sondern auch die von beiden für das Europäische Zentrum der Künste Hellerau kuratierte Groß-Performance "Grenzgebiet Heimat" ging zeitgleich über die Bühne. Seit zehn Jahren verheiratet, bilden die Meinings fast eine symbiotische Lebens- und Arbeitsgemeinschaft. Der Vorteil der Ehe bezüglich der gemeinsamen Diskussionsprozesse sei, so Peter Meining lachend, dass man irgendwann bestimmte Formen der Höflichkeit nicht mehr benötigt und man ziemlich schnell beim Kern neuer Stücke und Konzepte anlangt.

In den wilden Nachwendejahren gründeten die Meinings in Dresden den temporären norton.commander.club. In besetzten Häusern und leerstehenden Gebäuden wurden an der Schnittstelle von Partyculture, Film, bildender Kunst und neuen Medien experimentiert. Diese Schnittstelle ist ihre Sache geblieben, in all den Theaterstücken, die sie inzwischen seit über zehn Jahren als freie Gruppe produziert haben, unter anderem im Hebbel am Ufer (Berlin), dem Mousonturm (Frankfurt/Main), dem FFT Düsseldorf oder dem Theaterhaus Jena.

Die Meinings verkörpern ein eigenes Theatermodell, das seine Autonomie und Arbeitsweise auch gegen die eingeschliffenen Strukturen der großen Häuser durchzusetzen vermag. Martin Wigger, Dramaturg am Staatsschauspiel Dresden, berichtet über die für ihn ungewöhnliche Situation während der Proben zu "Angst". Gefragt war sein distanziert-kritischer Blick von außen. Das Wechselspiel mit allen Abteilungen des Hauses und vielfache Vermittlungsarbeit fielen dagegen weg, da ncp ihre Menschen für Licht, Ton, Film, Kostüm selber mitbringen.

Ob es sich um die Aktualisierung eines klassischen Stoffs wie "Genetik Woyzeck" (1997), die selbstbewusste Fortschreibung eines Schiller-Fragments wie "Die Polizey" (2005) oder um eine Filmadaption fürs Theater wie Stanislaw Lems "Solaris" (2004) handelt: Konstantes Stilelement von ncp ist die Kombination divergenter Kunst- und Mediensysteme. Diese münden in eine Programmatik, die Carena Schlewitt, künstlerische Leiterin des HAU, als "die Konfrontation des Schauspielers, des menschlichen Körpers mit der Medienwelt und ihren ästhetischen Oberflächen, aber auch ihren impliziten politischen Machtstrukturen" beschreibt.

Mit dieser Hybridisierung gehen Bildgebungsverfahren einher, die die visuellen und akustischen Möglichkeiten des Theater(-raums) sicher erweitern, von denen man aber auch irgendwann erschöpft sein kann. Zum Beispiel dann, wenn die Spannungsbögen wie in dem dreieinhalb Stunden dauernden Stück "Märchen: Naive Fragen, Komplexe Antworten" (2006) zum Teil etwas zu kurz greifen und körperliche Präsenz und Raumwirkung fast nur noch über den Bildschirm oder die Leinwand zu erfahren sind.